Wie entstand der heutige Cocker?

 

Selbst die neueste kynologische Literatur Englands weiß auf diese Frage, wenigstens was die Ursprünge der Rasse betrifft, keine erschöpfende Antwort. Denn, sichere Kenntnis über die Entwicklung zum heutigen Standard, unterstützt von unbestechlichen Photos, haben wir erst, seitdem die planmäßige Stammbaumzucht eingesetzt hat, also erst seit weniger als hundert Jahren. Was vorher war, erahnen wir mehr aus dürftigen Nachrichten, und was sonst über Namen und Ursprung des; Spaniels erzählt wird, gehört meist in den Bereich dar Legende. Sicher ist, daß schon seit dem frühen Mittelalter nicht nur in England, sondern auch in West- und Mitteleuropa ein kleiner bis mittelgroßer langhaariger „Vogelhund“ in der Hauptsache zum Aufstöbern des Beizgeflügels in Verwendung stand. Das läßt sich. aus der Literatur, besser aber noch durch zahlreiche, bis zum 18. Jahrhundert hinaufreichende Gemälde, auf denen Jagd- und Begleithunde dargestellt sind, belegen.. In England wird er Spaniel genannt. Über diesen Namen wurden ebenfalls verschiedene Theorien aufgestellt, ohne daß eine von ihnen uns restlos befriedigen könnte. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kennt man in England neben dem Wasserspaniel den Landspaniel in zwei Schlägen, einen größeren, aus dem sich der heutige Springer, und einen kleineren, aus dem sich neben dem Field unser Cocker entwickelt hat. Inwieweit der letztere durch Einkreuzung einer altenglischen Zwergform, dem spitznasigen Toy-Spaniel, künstlich verkleinert wurde, ist heute genau nicht mehr auszumachen. Wahrscheinlich beschränkt sie sich nur auf einen bestimmten Farbenschlag und zwar auf den weiß-roten Blenheim-Spaniel, der die Hauszucht der Herzoge von Marlborough darstellt und von dem John Scott in Sportsman Cabinet 1803 folgendes berichtet: „Die schönsten Spaniels mit dem. Namen Cocker sind diese eigentümliche Rasse des Herzogs von Marlborough und. seiner Freunde, rot-weiß, mit langen Ohren, kurzen Nasen und schwarzen Augen. Sie sind unermüdlich und stehen im großen Ansehen bei den Jägern." Die Blenheims standen also noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts im praktischen Jagdgebrauch auf Kleinwild, wie Kaninchen, Schnepfen usw., während sie wenig später, weiter verzwergt, völlig zum Schoßhund wurden. Aber darin bin ich mit Dr. von Muralt, der zu den Pionieren des Cockers auf dem Festlande gehört, völlig einig, daß im heutigen Cocker in keinem Falle das Blut einer stumpfnasigen Zwergspanielform gesucht werden darf.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hören wir nur gelegentlich von Cocker-Züchtern, so ist ein Lord Rivers als Züchter von schwarz-weißen „Cockingspaniels", später ein Mr. Bürdet als solcher von schwarzen bekannt. Als im Jahre 1859 in New Castle die erste Hundeschau stattfand, gab es noch keine Scheidung nach demTyp, sondern nur eine nach dem Gewicht: ein Spaniel über 25 Pfund war ein Field, einer darunter ein Cocker. Auf die Dauer natürlich ein unmöglicher Zustand. Erst das Jahr 1893 brachte die offizielle Anerkennung des Cockers als eigene Rasse und seine Aufnahme als solche in das Zuchtbuch des Kennel Clubs. Noch später, 1901, erfolgte die Festsetzung der Gewichtsgrenzen zwischen den beiden Schlägen: Field 37—45 Pfund, Cocker 25—28 Pfund. Heute hat diese Festsetzung nur mehr theoretisches Interesse: Der verhältnismäßig niedrige und langrückige Fieldspaniel spielt auch in England fast keine Rolle mehr, während der Cocker durch Erreichung des Zuchtziels, möglichst viel Kraft und Temperament in einem harmonisch gebauten, kleinen Körper zusammenzuballen, den großartigsten Aufschwung nahm, den eine Hunderasse im letzten halben Jahrhundert erreicht hat.

Kenner der Entwicklung des modernen Cockers sind sich darin einig, daß die Anfänge der planmäßigen Zucht mit dem schwarzen Schlag verknüpft sind. Hier war der erste bedeutende Vererber Champion Ted Obo, gew. 14. 6.1878, Züchter: Mr. J. Farrow. Wenn man die Bilder dieses Hundes betrachtet, kann man erst ermessen, welchen Weg die Cockerzucht seitdem durchlaufen hat. Obo war ein langer, niedriger Hund (Schulterhöhe 10 Inches und 29 Inches von Nase bis zur Rutenspitze), er ähnelte also eher einem Langhaardackel als einem modernen Cocker. Und trotzdem haben seine Nachkommen und mit ihnen der Zwinger Mr. Farrows die Ausstellungen der 80er und 90er Jahre beherrscht. Besonders drei Zuchtrüden aus der unmittelbaren Deszedenz des Obo gelten als die Begründer der modernen Cockerzucht: Toots, schwarz mit weißem Brustfleck, in den Proportionen schon näher dem heutigen Standard, Rivington Signal, schwarz, beiderseits auf Obo ingezüchtet, und Toronto, der von Mr. C. A. Philipps 1896 aus Canada wegen seines verhältnismäßig kurzen Rückens und tiefen Fanges importiert wurde, um diese Mängel seiner Zuchthündinnen zu verbessern. Toronto war rot und Ausgangspunkt der einfarbig roten Zucht. Denn der Zwinger „Arabian" der Mrs. Trinder spezialisierte sich als einer der ersten auf diese heute so beliebte Farbe, und eine Stütze dieser Zucht war Arabian Olaf, der über Bourton Bounce ein Enkel des Toronto war.

Mr. Phillips, der auch Rivington Signal züchtete, spielte um die Jahrhundertwende überhaupt eine große Rolle. Er ist mit einer der Begründer der Hochzucht von bunten und vor allem dreifarbigen Stämmen. Ausgehend von Rivington Jock, einem schwarz-weißen Rüden, kam er über Rivington Shoe, der Mutter von Rivington Signal, zu seinem farbigen Stamm, der mit anderen Zwingern die Grundlage für die später so beliebte Blauschimmelzucht bildete. Eine andere bekannte Blutlinie der Blauschimmel knüpft sich an Braeside Bustle des Mr. Porter, der, obwohl selbst ohne Blauschimmelvorfahren, diese Farbe sehr gut vererbt hat. Champion Dixon , ein Stern der Blauschimmel vor dem ersten Weltkriege, war ein Enkel dieses Hundes, und nachher war es der Blauschimmel Fulmer Ben , der geradezu phantastische Ausstellungserfolge in der Zwischenkriegszeit hinter sich brachte. Er ist der Vater des berühmten schwarz-weißen Beau Brummel, der ebenfalls lange unbesiegt blieb. Ein ebenfalls als Deckrüde viel verwendeter Hund war Fairholm Rally, ein etwas großer Dunkelblauschimmel, dessen schöner Kopf besonders gerühmt wurde. Er hat auch seine ausgezeichneten jagdlichen Eigenschaften gut vererbt. Er war vielleicht der letzte Vertreter jener Champions, die nicht allein Ausstellungskanonen sondern auch vielfache Gewinner von Jagdprüfungen waren. Von da trennt sich die reine Ausstellungszucht von den jagdlich geführten Stämmen. Sein Enkel Cobnar - Critic war eine Säule der berühmten „Falkoner" Zucht der Mrs. Higgins und Vater des Joyful Joy, der sich wieder rühmen konnte, einen ganz großen Sohn zu haben: Luckystar of Ware. Damit ist jener Zwinger genannt, der aus der modernen Cockerzucht nicht wegzudenken ist und der wesentlich zu ihrem heutigen hohen Standard beigetragen hat. Der jetzige Inhaber des Zwingers, Mr. H. S. Lloyd, ist der Sohn von Mr. Richard Lloyd, der bereits 1875 mit Cockern zu züchten begann und mit zu jenen Männern gehörte, die die Zucht der „Bunten" hochbrachten. Sein Sohn ist in seine Fußtapfen getreten und hat die Marke „of Ware" als Ausdruck eines ganz bestimmten Zuchtideals geschaffen. Seine ersten großen Erfolge fallen in die 30er Jahre unseres Jahrhunderts. Luckystar wurde 1930 und 1931 bei Cruft „Champion der Champions". Der Nachfolger von Luckystar, Whoopee of Ware, und dessen Tochter Exquisite Model of Ware waren ebenfalls Sterne erster Ordnung. Luckystar hat aber nicht nur die bunte sondern auch die rote Zucht der Folgezeit beeinflußt.

Die Schilderung der weiteren Entwicklung kann nicht mehr unsere Aufgabe sein. Sie ging derart in die Breite und ist so sehr mit dem heutigen Stand der Zucht verbunden, daß nur eine eigene, ausgreifende Darstellung, die auch die Sonderentwicklung am Kontinent und in Übersee mitberücksichtigt, der Größe und Vielfalt des Gegenstandes gerecht wird.

 

Prof. A. Schober, Graz.